Dienstag, 29. Dezember 2015

Weltschmerz

"ich glaube, du bist ein ernster Mensch", sagt er und sieht mich viel zu direkt an. 

ein kurzer Moment der Schwäche. ein kurzer Moment voll Schmerz und Bewusstsein. 
schnell ablenken. schnell an was anderes denken, was anderes machen. schnell wieder kalt werden, abgestumpft. keiner soll merken, wie es mich auffrisst, wie es mich beschäftigt, wie ich an kaum etwas anderes denken kann. 

Weltschmerz. ein deutsches Wort. muss es wohl sein. im Land der Dichter und Denker zu leben und aktives overthinking zu betreiben, ist irgendwie richtig. doch ab und an wäre ich gerne ein Mensch, der nicht zur Ruhe kommt. denn zur Ruhe kommen heißt auch, nachzudenken. und damit sich selbst wehzutun. 

Montag, 28. Dezember 2015

night walk

"weißt du, du bist einfach anders. du bist genug Mädchen, um süß zu sein, aber du bist verständnisvoll, weißt, was du willst. du bist irgendwie nicht wie die anderen Mädchen, du bist cool und locker, entspannt. das kennen die Jungs einfach nicht, und das fasziniert sie.", sagt er. wir ziehen an unseren Zigaretten und sehen den Vollmond, der nicht mehr ganz so voll ist.  

"sie lieben dich über alles. sie haben Angst um dich und wollen nur das Beste für dich. dass du nicht mehr die kleine Süße bist, ist vielleicht schwer für sie. überleg mal, du kennst K. auch, seitdem er geboren wurde, und machst dir auch ständig Sorgen um ihn, stellst fest, wie groß er geworden ist. bei ihnen ist das nicht anders. sie wollen nur, dass du glücklich und in Sicherheit bist." wir laufen weiter, schlendern eigentlich. es ist halb vier morgens und wir haben alle Zeit der Welt. 

"du solltest wirklich alleine wohnen. Zeit für dich haben. dein Leben nach deinen Wünschen gestalten. glücklich sein. du wirst nie allein sein, glaub mir. wenn du einfach nur so bist, wie du bist, wirst du viele Menschen kennen lernen, sicher nicht nur Freunde - aber auch nicht nur Feinde."

ich liebe dich. ich liebe dich für deine Worte, dafür, dass du mir Dinge sagst, die ich zwar weiß, aber gerne von jemand anderem hören will. ich liebe dich dafür, dass du mich in den Arm nimmst, mich küsst, und mich nervst. ich bin beeindruckt, dass wir uns so selten sehen und du mich so leicht durchschaust. dass du genau weißt, dass ich einfach nur in den Arm genommen werden will, von jemandem, dem ich vertrauen kann. dass du dich absolut nicht täuschen lässt von mir. 

oder doch? siehst du die Dinge vielleicht wie ich, weil du den selben falschen Blickwinkel hast? ist meine Ansicht irgendwie romantisiert, dieses Geschwisterbild von zwei Menschen, die sich blind verstehen, die Verständnis haben, die mit den selben Problemen hadern - nur jeder auf seine Weise? 
ganz egal was es ist, ich bin immer dankbar für dich, doch besonders in dieser Zeit. du gibst mir so unheimlich viel Kraft und ich habe keine Ahnung, ob ich es vertrage, wenn du wieder weg bist. aber das Leben - und auch du - hat mir gezeigt, dass es weitergehen muss. auch, wenn man keine Lust darauf hat. 
wäre ich damals wirklich von nur einer der Brücken gehüpft, auf deren Geländern ich stand - klar wäre die Enttäuschung, der Schmerz, dieses Unglücksgefühl weg gewesen. aber ich hätte auch vieles verpasst, viele Menschen nicht getroffen, nicht die erste große Liebe kennengelernt. ja, ich hätte auch den neuen Schmerz nicht kennengelernt. aber das ist es doch eigentlich, oder? der Schmerz ist es, der uns prägt, auch wenn wir das Gefühl haben, er würde uns zurückwerfen, statt voranbringen...

das schreibt sich alles so leicht. doch dein "Adieu" am Ende deiner letzten Nachricht, die mich in ein endloses Loch wirft, lässt mich wünschen, ich wäre nie geboren oder auf der Stelle tot. ich weiß nicht, ob ich glücklich sein kann mit dem Wissen, dass du für immer gegangen bist und dass ich das mit uns verbockt habe. 


Freitag, 25. Dezember 2015

sibling

ich bin so froh, dass du da bist. es ist einfach unglaublich, wie ähnlich wir uns sind, wie einfach es ist, miteinander zu reden. bei dir muss ich keine Angst haben, eine Frage zu stellen, weil sie ganz offensichtlich unangenehm ist. doch irgendwie nicht für dich. du scheinst mir zu vertrauen, beantwortest alle meine Fragen. es ist wunderbar, dir zuzuhören und all die Parallelen zu erkennen, obgleich sie nicht immer positiv sind. doch besonders dann fühlt es sich gut an, weil ich merke, wie nah wir uns eigentlich sind und weil ich merke, dass ich nicht allein bin. auch du kennst all die Ängste, die Antriebslosigkeit und die Schlaflosigkeit, die einen überfällt, wenn man mal wieder zu viel denkt. oder anders ausgedrückt: wenn einen dieses eine Problem nicht loslässt und man sich die ganze Nacht darüber den Kopf zerbricht. denn leider muss es gar nicht viel sein, es reicht ein Gedanke, um ewig wach zu liegen. 
aber dir muss ich das alles nicht erklären. du kennst das alles, du kennst die Gefühle, du verstehst, warum ich mich so verhalte, wie ich mich nun mal verhalte. und genauso umgekehrt: eigentlich müsste ich dein Handeln nicht hinterfragen, weil ich die Antworten kenne. es ist, wie man sich das immer für die eigenen Kinder wünscht: keine Rivalität, kein Wettbewerb, kein Neid, kein Unverständnis. im Gegenteil. manchmal habe ich das Gefühl, es ist wie im Film - ein besonderes Verhältnis. allein schon, dass du immer dann rangehst, wenn ich dir etwas Wichtiges sagen muss oder es mir besonders mies geht - oder dass du genau dann anrufst, wenn ich dich brauche. es ist wirklich besonders. 
diese Verbindung finde ich faszinierend. obwohl wir doch irgendwie als zwei Einzelkinder aufgewachsen sind und nicht mehr als 8 Jahre zusammen gelebt haben, haben sich unsere Gefühle, Meinungen und Arten in ähnliche Richtungen entwickelt. ja, okay, vielleicht sind wir auch einfach mainstream. 

so oder so bin ich unglaublich dankbar für dich und deine Rückendeckung, wenn meine Verteidigung mal wieder zu wünschen übrig lässt. ich bin dankbar dafür, dass du mir vertraust; dankbar, dass wir uns nicht auseinander gelebt haben; dankbar, dass du mir deinen Rat gibst; dankbar, dass du dich meinen Problemen annimmst. 
eben für all das, wofür man einem großen Bruder dankbar ist - für alles. auch für die Kitzelattacken und semi - gemeinen Kommentare. 

Mittwoch, 23. Dezember 2015

hi

da bin ich wieder. nicht mehr 15, aber immer noch genauso daneben.

habe gestern den Wahnsinn gewagt, jeden einzelnen Post dieses Blogs zu lesen... wow. am Liebsten hätte ich das Mädchen in den Arm genommen, das das alles geschrieben hat. dann hätten wir uns beide umarmt, angeweint... und das Mädchen hätte mich gefragt, ob es besser wird. und ich hätte gesagt: nein.

dieses Mädchen hat so oft von Freiheit geschrieben, von Reisen, von dem Willen, alles zu wissen, jedes Buch gelesen zu haben, vom Tanzen, von vielen Gesprächen und Bekanntschaften. nun. das Mädchen ist jetzt neunzehn, es tanzt immer noch nur dann, wenn es betrunken oder allein ist. es kennt nun noch einen Haufen Menschen mehr, hat tolle Gespräche geführt - und nicht so tolle. das Reisen, die Bücher, das Wissen und die Freiheit kamen etwas zu kurz. aber Prioritäten ändern sich auch, das hat das Mädchen gelernt. und vor allem ändern sich Menschen. 

das Mädchen hört immer noch die selben Bands, außer Casper natürlich. aber es hört auch Altmännermusik. so hat das Mädchen früher Dire Straits und Springsteen genannt. also, ich würde ihm dafür heute wirklich ans Ohr schnipsen.
das Mädchen hat zwar nicht aufgehört, Kinder im Allgemeinen zu verteufeln; dennoch arbeitet es in einer Kinderkrippe und würde für jedes seiner Kinder alles tun, damit es ihnen gut geht. und - unvorstellbar - dem Mädchen macht die Arbeit Spaß. ich denke, das Mädchen von 2011 würde mich auslachen und mir das niemals glauben.
das Mädchen würde mir auch nicht glauben, dass ihm später mal Menschen hinterher gucken werden. und erst recht nicht, dass sie das deswegen tun, weil das Mädchen ein Kleid trägt.
das Mädchen hätte nie gedacht, dass es einmal sein Abitur haben würde, dass es Komplimente für seine Art und sein Äußeres bekommen würde, oder dass es auch mal einen süßen Typen abblitzen lassen würde. unvorstellbar war es, dass es einmal merken würde, dass es gar nicht so übel ist und dass es nur vier praktische Prüfungen brauchen würde, um den Führerschein in die Hand gedrückt zu bekommen...
ich denke, würde ich dem Mädchen erzählen, was vor ihm liegt - es würde mich ansehen, schrill auflachen und sich erschießen. es würde denken, dass es für all das noch gar nicht bereit ist. aber mal ganz ehrlich: das bin ich doch auch nicht.

ich weiß immer noch nicht, ob ich überhaupt ohne T. leben kann. ohne sein Strahlen in den Augen, ohne ihm den Kopf zu kraulen, ohne ihn neben mir liegen zu haben. ich habe mich so daran gewöhnt, an das alles. morgens seinen Kaffee vorzubereiten, nochmal nach ihm zu sehen, bevor ich zur Arbeit fahre. Samstagmorgenselfies zu machen, wenn er noch schläft und so unheimlich süß ist. es war natürlich, dass er da war, dass er hinter mir stand. die Sicherheit, dieses Gefühl, einen Hafen gefunden zu haben, nach dem ich mich so lange gesehnt habe, war endlich da. und irgendwann ganz normal, teilweise schon eintönig und profan. so viele Dinge, an die ich mich einfach gewöhnt habe, die für mich irgendwie selbstverständlich geworden sind. und die dann irgendwann für uns beide zum Problem wurden.

wenn ich dem Mädchen begegnen würde, würde ich ihr Gesicht ganz fest in die Hände nehmen, ihr in die Augen sehen und ihr sagen, sie solle sich verdammt nochmal merken, dass nichts, aber auch gar nichts, selbstverständlich ist. und dass sie verdammt nochmal lernen sollte, dass sie ganz allein ist. und dann würde ich einfach hoffen, dass sie auf mich hört und sich ins Zeug legt; dass sie anfängt, sich für sich selbst zu interessieren, statt sich nur zu bemitleiden. dass sie Sport macht, Bücher liest, Leute trifft, sich endlich selbst liebt, sich bei der Arbeit Mühe gibt und sich immer daran erinnert, dass sie nur ein Leben hat. und dass es besser ist, den selben Fehler dreimal zu machen, als gar nichts zu machen. denn nur so funktioniert Fortschritt, Weiterentwicklung. und ich hoffe, dass das Mädchen dann langsam mal schnallt, dass es besser dran ist, wenn es gut mit sich auskommt. denn tatsächlich muss man sich selbst sein ganzes Leben lang ertragen.