Stell dir das mal vor:
Du läufst durch einen Wald und es wird langsam aber sicher dunkel. Du läufst einen Weg entlang und der Wald ist keiner wie so viele andere, nein.
Der Weg, den du entlang läufst, ist gerade. Es liegen keine Baumstämme oder Müll herum, Laub aber auch nicht. die Luft ist frisch und kühl, aber außer einer leichten Gänsehaut berührt dich das nicht. Die Bäume sind hoch und keine Nadelbäume, viele Birken sind da. Das Gras ist recht kurz und du ziehst deine Schuhe aus, um barfuß da durch zu laufen. Du merkst, das Gras ist nass. Etwas. Es kitzelt unter deinen Füßen ein bisschen, aber es ist schön.
Du legst dich ins Gras und machst die Augen zu. In deinem Kopf ist garnichts mehr, es scheint, als würde die kühle Luft deinen Kopf von Sorgen freimachen.
Kopfsteingepflasterte Straßen entlanglaufen, auf flachen Schuhen, Conversekind einfach. Die Frauen auf High Heels, die sich mühsam an ihren Hipstermännern festhalten, ein bisschen auslachen. So innerlich.
Der Himmel ist so unendlich blau und ein paar Wolken ziehen vorbei, es ist einfach wunderschön, das alles.
Dank des iPods Musik in den Ohren: Dingdong Kingdom von Borko. Es passt wunderbar zu diesem Moment und ich habe so lange, so lange darauf gewartet, durch diese Straßen zu laufen. In einem Land, in dem ich kein Wort verstehe, aber schon immer hin wollte. Ich habe gedacht, hier ist alles schön. Birken und blonde, schöne Mädchen gibt es hier, und Ruhe, weil man hier weit genug weg ist von dem ganzen Stress Zuhause, es sei denn, man wohnt hier - und macht sich selbst Stress. Man kann auch ohne Stress leben, aber die meisten wollen das unterbewusst einfach, Stress.
Als Kind war ich unglaublich kreativ und hab mir zum Einschlafen immer Geschichten ausgedacht, das mach ich manchmal heute noch. Denn schöne Gedanken tun gut und wegnehmen kann sie mir auch keiner. Ich habe mir ausgedacht, wenn ich erwachsen bin, werde ich Schriftstellerin und ziehe hierher, in ein Holzhaus mit Birken und Gänseblümchen drumrum und einem kleinen Holzschuppen und einem kleinen See oder so. Mit einem wilden Garten und ein paar Beeten, vielleicht. Ich höre dann jeden Tag laut Musik, oft so laut, dass man das durch das ganze Haus hören kann, und beschweren kann sich keiner, denn Nachbarn hab ich erst einen Kilometer weiter oder so. Das Haus hängt voll mit Janosch - Bildern und aus Zeitschriften ausgerissenen Bildern, wie in meinem Zimmer jetzt. Bilder von Ureinwohnern aus Umbunguduschwungubu mit weißer und roter Farbe im Gesicht und spiritistischen Ritualen, Bilder von Vögeln oder anderen Tieren, Bilder von Natur, Bilder von Models. Models mit langen Haaren ohne viel Haarspray und ohne Make Up und schönen Gesichtern. Und Locken und Sommersprossen vielleicht.
Genau so, und dann werde ich keinen Teppichboden mehr haben, denn den habe ich satt, genauso wie die niedrigen Decken und hellgelben Wände und die kleinen Fenster. In meinem Haus wird jedes Zimmer anders sein, aber wunderschön und gemütlich, meine Fenster werden riesengroß sein und ein paar haben auch Vorhänge, vielleicht. Mein Bett wird groß sein und voll mit Ikea - Kissen und die Bettwäsche wird auch von Ikea sein. Wie fast alles in dem Haus, womöglich. Vieles wird alt sein, vom Vorbesitzer oder so. Alles wird mit Teelichtern vollstehen, obwohl ich doch zu Mama gesagt habe, dass das sinnloser Schnickschnack ist. In vielen Zimmern werden Bücherregale stehen, voll mit Büchern wie die Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen oder Der Fänger im Roggen oder Faserland oder Die beiden Seiten des Glücks - und so vielen mehr. Voll mit Kinderbüchern, die mich vor der Realität retten und voll mit Büchern, die mich direkt hineinschmeißen, in die Realität. Wie in einen Eimer eiskalten Wassers.
Dann werde ich meine Kopfhörer aufsetzen, nur in einem weißen Poncho und mit wilden Haaren eine Teetasse tragend barfuß durch dieses Haus laufen, die Treppen hinunter oder hinauf, Where are my Glasses? von Missent to Denmark hören, mich irgendwohin setzen, vielleicht in meinen Garten, wo die Vögel zwitschern und die Luft so rein ist, oder vielleicht auf mein Sofa oder in meinen Sessel oder in meine Küche. Und dann werde ich da sitzen oder liegen, früh, sehr früh am Morgen, vielleicht fünf oder sieben Uhr werde ich dort sitzen oder liegen und über alles nachdenken, ich werde einen Brief schreiben an eine liebe Person und einen an meinen Papa und einen an meine Mama, vielleicht einen an meinen Bruder. Ich werde darüber nachdenken, wie sehr ich sie vermisse und ihnen genau das schreiben, vielleicht verwischt eine Träne die Schrift, oder zwei. Das Internet werde ich hin und wieder kappen und wenn mich dann jemand erreichen will, hat er Pech gehabt, aber das passiert eh nicht so oft. Meine Facebook - Freundesliste wird, insofern sie überhaupt noch existiert, weniger als 146 Freunde enthalten und 136425 Nachrichten werden mich erwarten, wenn ich mich nach zwei Jahren mal wieder einlogge. Um dann letztendlich doch den Account zu löschen, falls ich das noch nicht getan haben sollte.
Mein Telefon wird so ein altes sein, mit Schnur, du weißt schon.
Ich werde dann irgendwo sitzen oder liegen und über den kleinen Tiger und den kleinen Bär und die Tigerente philosophieren, und über das Leben auch. Ich werde dann darüber nachdenken, wie es später sein wird, wenn ich Kinder habe, kleine, schöne, liebe Kinder und einen Mann vielleicht. Einen großen und starken vielleicht, vielleicht wird er aber auch ganz anders sein. Wir werden dann manchmal am Wochenende lange schlafen und irgendwann wird eins der schönen, lieben Kinder verschlafen ins Bett gekrochen kommen und unter die Decke zwischen uns schlüpfen, wir werden eine süße Familie sein und oft rausgehen, vielleicht. Manchmal werden wir auch ganz früh aufstehen und uns die Welt anschauen, denn das ist wichtig.
Wir werden ein wunderschönes Leben führen, vielleicht, und irgendwann werde ich die Landessprache können und auf das alles zurückschauen und rein garnichts bereuen.



