Sonntag, 22. September 2013

Kindheit




Ich möchte einen Sonntagmorgen in meiner Kindheit. Morgens ins Elternbett krabbeln und kuscheln bis zum Frühstück. Frühstück ohne Streit. Ich will in den Wald fahren mit meiner Familie, nur wir vier. In meiner roten Regenjacke mit den blauen und weißen Streifen in der Kapuze durch den Wald laufen, mit Mama Moos sammeln, Baumrinde anfassen, den Wald einatmen. Danach Mittagessen. Zu viert aufs Sofa und einen Film gucken. Ich möchte eine Kindheit, die mehr beinhaltet als 8 Jahre hin und her. Ich möchte eine Kindheit mit Dingen, die ich nicht hatte und die ich nie haben werde.
Auch, wenn ich das große Haus mit dem tollen Dachgeschoss gemocht hab. Die Scheidungskindergruppe mit dem bärtigen, älteren Betreuer mit den Lachfalten und der jungen Frau frisch von der Hochschule. Mit dem Teppichboden und den 10 anderen Kindern. In dem Haus in der schönsten Stadt der Welt. Wo für eine Stunde mal alles gut war. Wo man wirklich von allen verstanden wurde. Wenn man erzählte von der Diskussion, die sich vor ein paar Stunden wieder ergab, darüber, wer mich zu der Gruppe fährt. 
Erinnerungen an die Zeit, in der das Leben geregelt war. Die Zeit vor dem großen Chaos. 
Aus mir hätte was werden können, denke ich. 
Aus dem verträumten, großen, dünnen, schüchternen Mädchen mit der Brille und der Liebe für Katzen hätte etwas Fantastisches werden können. Etwas worauf Eltern hätten stolz sein können. 
Doch jetzt sieht alles anders aus. Alles nur so halb, nie richtig. Stunden in der Bahn von einem Teilzuhause zum nächsten, die einen zum Denken zwingen. Es geht nicht. Es geht nicht ohne Träumereien und Wünschen bis knapp unter den Himmel. Es geht nicht ohne melancholische Wochenenden. Ohne Wunschszenarien in meinem Kopf. Ohne wehmütige Blicke auf Spielplätze, Kleinfamilien und in Fotoalben. Ohne die Erinnerungen an die kleinen, schönen Momente. Ohne die Tränen in den Augen.

Das ist kein Vorwurf. 


Samstag, 14. September 2013

torture

alles egal. der Kopf vollkommen leer, der Bauch voller Wut. Augen voller Tränen. Staubkörner tanzen im Licht. 
das Kissen muss wieder herhalten. sich anschreien, schlagen lassen. am Ende wieder der Einzige sein, an den sich geklammert und bei dem sich ausgeweint wird. am Ende nass geweint liegen gelassen werden. 
kann man sich selbst mit einem Kissen ersticken?
Google sagt nein. 

kann es nicht beeinflussen. sie kommt einfach. und bleibt, bis sie irgendjemand verscheucht. sie kommt mit dieser Wut und den Tränen, mit stechenden Kopf- und Rückenschmerzen und zwingt einen in die Knie. letztendlich immer Embryonalstellung, zusammengeknüllt im Bett; oder am Boden. geht nicht anders. man fühlt sich so klein wie nur möglich. mental. überhaupt. so nutzlos wie nur möglich. so weit unten. so zusammengeknüllt, liegengelassen, ausgelaugt.
nur Todeswunsch, bloß um zu gucken, wer kommt. schon lange nicht mehr. geht es vorbei? ich weiß es nicht. ich glaube es nicht. hab das Gefühl, es wird immer schlimmer, sie wird immer schlimmer, jedes Mal, wenn sie wiederkommt ist sie stärker als zuvor. stärker als ich es bin. stärker als die, die sie manchmal verscheuchen. ich kann nichts tun. noch ist jemand da, der sie verscheucht, aber was kommt danach? wer soll sie verscheuchen, wenn niemand da ist? ich kann es nicht. ich schüchtere sie nicht ein. ich lasse sie zu. ich lasse sie neben mir liegen, wenn ich schlafe, lasse sie, wenn sie sich an mich hängt und mir jeden Schritt erschwert. lasse sie, wenn sie mir Steine in den Weg oder Tränen in die Augen legt. ich kann nichts tun. und ich weiß es. 

sie kommt dann, wenn ich nicht damit rechne. und dann, wenn ich grade am Schwächsten bin. sie kommt nachts und grinst mich morgens an, wenn ich aufwache. zeigt mir ab der ersten Sekunde meines Tages, dass heute kein guter Tag ist. dass sie mir heute nicht von der Seite weicht. und dass nicht ich bestimme, wann sie wieder geht. 
sie kommt, wenn ich alleine bin. sie weiß dann, dass ich chancenlos bin. noch chancenloser.
langsam ist sie so weit. so weit, dass sie keiner mehr weg bekommt. so weit, dass ich nur noch selten dran denke, mich gegen sie zu wehren, wenn sie kommt und sich auf mich schmeißt. nicht, dass ich es nicht versucht hätte. aber ich kann sie nicht greifen. sie entwischt mir immer wieder, sie ist wie Luft. sie ist da, ich atme sie ein, ich kann sie nicht aussperren. es geht nicht.

so kommt mit voller Wucht, aber mit dieser Wucht bleibt sie nicht lang. irgendwann hat man genug geweint und geschrien, dann setzt sie sich still in eine Ecke. man sollte meinen, dort, in der Ecke, hätte sie keinen Einfluss mehr, aber das ist falsch. es reicht, dass sie da ist. denn solang sie da ist, sind die Schmerzen da. die Wut aber ist eingesperrt, kann nicht raus, wird unterdrückt. wenn sie zur Ruhe kommt und in der Ecke sitzt, fühlt man sich nur noch leer. "schwimmen durch Treibsand mit Gewichten an den Gliedern." so fühlt sie sich an. jeden Tag, jede Nacht, in der sie einen nicht schlafen lässt.

sie ist eine anerkannte Krankheit. so fühlt sie sich auch an. Menschen haben gegen Krebs gekämpft und ihn besiegt. ich scheitere schon an ihr. aber vielleicht liegt es daran, dass ich nicht mehr gegen sie ankämpfen will. vielleicht liegt es daran, dass ich schon längst aufgegeben und mich ihr unterworfen habe.

Sonntag, 8. September 2013

afraid

SAMSTAG
Das perfekte Wetter, um aufzuwachen. Das Fenster rechts von meinem Bett ist offen, die Vögel zwitschern, kühle Luft zieht herein und die Sonne scheint. Der Himmel ist so unglaublich blau... 
Und mich überkommt die Erinnerung. Ein Schmerz, der mir ohne Umwege mit voller Wucht direkt ins Herz zu fahren scheint. 
Es war erst gestern. Unser Freitagabend. Zwischen Pro7 und Schlaf immer mal wieder wach. Du lagst neben mir. Den ganzen Tag schon beschäftigte mich die Frage, wohin ich in 2 Jahren gehen soll. Wie groß die Entfernung zwischen uns beiden ist, die ich ertragen kann. Wie groß die Entfernung zwischen mir und diesem Ort ist, die ich brauche. Wie ich meine Liebe und meine Zukunftswünsche miteinander vereinbaren kann, ohne, dass eins von beidem auf der Strecke bleibt. 
Die Vergänglichkeit des Momentes wurde mir bewusst, genau wie die Tatsache, dass besagter Kompromiss unmöglich ist, wahrscheinlich.
In einem Moment verändert sich alles, du weißt, ich kann nicht ohne dich. Noch nicht. Niemals nicht? Ich habe keine Ahnung. Ich bin bereit, den für mein Herz erträglichsten Kompromiss einzugehen, obwohl ich mich kenne. Ich habe eine Schwäche für Neues und Altbewährtes, nicht aber für Planung. Ich weiß nicht, wie es funktionieren soll. 

SONNTAG

Lästig, diese ständige Zukunftsangst. Die Angst davor, dich zu verlieren - das Wissen, dich irgendwann zu verlieren. Und die Angst vor der Zeit, die dann folgt.
Du hast es gesagt: du gehst hier nicht weg, niemals. Zuhause, hast du gesagt. Das unterscheidet uns - für dich ist das hier Zuhause. Für mich bist du Zuhause; alles andere klärt sich schon irgendwie. Aber das hier ist nicht mein Zuhause. Das hier ist nur eine Station. Für mich stand immer fest, dass ich hier nicht bleiben werde. Nicht kann. Nicht will.
Ich weiß, dass es keinen Kompromiss gibt. Entweder gibt es ein wir, oder es gibt es nicht.

Ich wünschte, ich könnte einfach gehen. Einfach die Dinge klar machen, meine Sachen packen. Weggehen. Ankommen. Ohne Trauer. Ich wünschte, ich könnte dich ab diesem Moment, der kommen wird, einfach vergessen. Die Liebe fortpusten und unsere gemeinsame Zeit nicht wegschmeißen, aber sie ohne Wehmut betrachten, mich daran erinnern. Dich als abgeschlossenes, schönes Kapitel sanft einpacken, in eine kleine Schachtel, und dich immer wieder hervorholen, wenn es mir schlecht geht, um mich an den Erinnerungen wieder ins Leben hochzuziehen. So, wie du es jetzt mit mir machst, wenn es mir schlecht geht. Ich wünschte, es würde mir dann einfach nichts mehr ausmachen, würdest du mich vergessen und nicht mehr lieben. Ganz einfach, ganz ohne Schmerz. Ohne meinen Schmerz und ohne deinen. Ohne den Kloß in meinem Hals, den Schmerz in meinem Herz und Kopf, ohne die Tränen in meinen Augen und meinem Gesicht, ohne dieses taube, sinnlose Gefühl.
Ich weiß - es ist meine Schuld.