Freitag, 28. September 2012

Bessermacher

In Wollsocken steh ich auf meinem Balkon, kann das kalte Metall durch ebendiese Socken hindurch spüren. Es ist früh am Morgen, die Stadt zu meinen Füßen schläft noch, während die Sonne sich auf das Aufgehen vorbeitet. Die Luft ist kalt und ich wickle meine Decke enger um mich. 
Schau auf die Stadt hinunter. Denke an nichts. Stille umgibt mich, ab und zu wird sie von etwas Vogelgezwitscher unterbrochen; aber eigentlich ist es denen mittlerweile zu kalt. Es ist schließlich Herbst. Ich liebe Herbst.

Gezwungenermaßen bin ich ans Bett gefesselt, denn ich bin krank. So ergibt sich viel Zeit zum Nachdenken - blöderweise. Als ob ich das nicht so schon viel zu oft täte. Mein Genick schmerzt. Mein Kopf fühlt sich höllisch an, es dröhnt regelrecht in ihm. Außerdem glüht er. Ich hasse krank sein. Ich hasse meine Immunschwäche.
Jedenfalls wurde mir ein gutes Buch gegeben; jemand, den ich mehr als schätze, hat gedacht "es würde mich ansprechen". Genau das hat es auch. Es hat mich regelrecht atemlos gemacht. Ich habe es innerhalb eines Tages verschlungen und direkt noch einmal gelesen. Dieses Buch heißt "Wir haben (keine) Angst" und ist von Nina Pauer. Es behandelt die jetzige Zwanziger- bis Dreißigergeneration. Und ihre Angst. 
Auch ihre Überforderung mit sich selbst. Dass sie sich zu viel anmaßen und ihre to - do - Listen nicht schaffen. Dass sie sich keine Auszeit gönnen. Und dass viele einfach den Arsch nicht hoch kriegen. Kommt wahrscheinlich jedem bekannt vor.

Manchmal denke ich, dass 24 Stunden einfach viel zu wenig sind. Wenn man bedenkt, dass ich 8 davon in der Schule, 2 auf dem Weg von Zuhause dort hin und von dort nach Hause und 8 mit Schlaf verbringe(n sollte, im Idealfall)... So viel bleibt da eigentlich nicht übrig. Da kann ich unmöglich alles schaffen, was ich schaffen will! Denke ich. 
Aber einst lehrte mich ein weiser Mann, seine Initialien sind R.R., dass das alles eine Frage der Zeiteinteilung ist. Wohl oder übel muss ich gestehen, dass dieser weise Mann Recht hat. Er sagte auch: "Einen Zeitplan zu erstellen, kostet dich eine Stunde in der Woche. Aber diese Stunde wird sich lohnen." Und das stimmte genauso.
Trotzdem kann ich mich einfach nicht aufraffen und verschwende meine doch recht wertvolle Zeit mit totalem Schnickschnack. Zum x-ten Mal überlege ich in solchen Momenten, ob ich mir die bittere Wahrheit in Form des Satzes "Menschen wissen es besser - machen es aber nicht besser" irgendwann mal tätowieren lassen sollte, damit er mich immer an meine größte Schwachstelle erinnert. Ich bin ein Besserwisser, ja. Ich bin nicht stolz darauf. Ich wäre lieber ein Bessermacher. Aber das wären wir wohl alle gerne.
Was uns daran hindert? -
Die Arbeit, Schule, Hausaufgaben, das Studium, der Haushalt, die Steuererklärung, eben sämtliche Verpflichtungen, die uns gerade ziemlich auf den Keks gehen, schieben wir vor. Das "ich war's nicht! Er / Sie war's!" - Prinzip kennen wir wohl alle und auch hier trifft es einfach zu hundert Prozent zu. Weil es ja Schwäche zeigen würde, zu sagen: "Ich steh mir selbst im Weg. Ich kriege meinen Arsch nicht hoch und will es mir selbst einfach nicht eingestehen."
Und Schwäche ist eigentlich nur in romantischen Scheißfilmen akzeptabel. Hin und wieder ist Schwäche auch ganz okay, aber man kann nicht dauerschwach sein, wenn es um das (eigene) Leben geht. Denn dann versperrt man sich selbst den Weg.
Ich weiß genau, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht und am Liebsten hätte ich ein Patentrezept. Doch ich habe keins. Nur den flachen, ewig alten Spruch "Fang einfach an".





Ich habe auch überlegt, wo ich später mal stehen will. Und jeder, der diesen Text von Anfang an gelesen hat, weiß, wo: auf meinem eigenen Balkon, zugehörig zu meiner eigenen Wohnung. Da kann ich dann überall meine Klamotten rumliegen lassen. Ich kann dann einfach meine Ruhe haben, wenn ich will. Ich kann meine ganzen angelesenen Bücher im Bad, in der Küche, einfach überall hinlegen und keiner beschwert sich. Ich muss nur dann aufräumen, wenn ich will. Ich kann stundenlang in der Badewanne liegen und Musik hören. So viele Duftkerzen meine Luft verpesten lassen, wie ich will. Ich muss mein Bett nicht machen und die Wäsche werde ich sowieso nicht auf so einen beknackten Wäscheständer hängen, die sind nämlich potthässlich und platzverschwendend. 
Klingt traumhaft. Und da ich ja jetzt zwangsweise so viel Zeit habe, werde ich noch ewig lang darüber nachdenken und mir meine Wunschwohnung bunt ausmalen...
Und ich plane, wie ich vom Besserwisser zum Bessermacher werde, jawohl.Ich kann das nämlich.

Sonntag, 23. September 2012

Berlin - Erinnerungen

 Hab warme Sonne im Gesicht. Schau nach draußen; Wäsche hängt an der Leine und weht sanft im Wind. Meine Nasenspitze ist kalt. J stupst sie an. Ich schau ihn an. Er ist schön. C ist auch schön. Sie ist wunderschön. Ihre Seele ist wunderschön. Ihr Augen auch. Ihr Gesicht mit der Stupsnase, den sanften Lippen und der hellen Haut. Ihr langen, braunen Haare sind auch wunderschön. Ich kenne sie jetzt 5 Tage und ich bin nahezu verzaubert. Was sie sagt, was sie tut, was sie trägt, alles an ihr mag ich. Ich wäre gerne wie sie und ich verstehe nicht, warum sie mich mag, aber ich bin froh. Wir laufen durch Berlin. Mit M und vielen anderen, nachts, es ist gegen zehn, schätze ich. Eigentlich machen wir eine Stadtführung, aber wir laufen etwas weiter hinten und unterhalten uns. M mag ich auch. Sie ist stark, finde ich. Viel stärker, als ich es bin. C ist kreativ und intelligent. M ist auch intelligent. Eigentlich sind sie viel "besser" als ich. Trotzdem laufen wir nebeneinander und unterhalten uns wunderbar. Am nächsten Tag bei der Abreise, sage ich zu M, dass wir zu dritt mal auf einen Flohmarkt müssen. Au ja, sagt sie. Und nach Marburg. Okay, ich kenne Marburg nicht. C ist da geboren und M findet diese Stadt fantastisch. Also gut, Marburg. Irgendwann, nur nicht erst in einem Jahr, weil dann M in Indien ist, für ein Jahr. Ich bewundere M. Sie ist so stark, wie gesagt; und sie weiß, was sie will. Sie ist engagiert und wirklich schlau. Jedenfalls sagt sie mir, wie sie dasteht, mit ihrem riesigen Wanderrucksack auf dem Rücken, dass wir das unbedingt machen müssen, und dass wir ihr fehlen werden. Ich hab auch gesagt, dass sie mir fehlen werden, ich hab es C gesagt, M auch, O hab ich es gesagt und F. P hab ich es auch gesagt. Ich hab es allen gesagt. Ju* hab ich gesagt, dass ich mich immer an ihn erinnern werde, auch wenn wir uns nächstes Jahr nicht sehen. Eigentlich werde ich mich an so gut wie alle erinnern. An ihre Gesichter, ihr Lachen, an die Gedanken, die sie geäußert haben, an die Dinge, die wir zusammen gemacht haben oder bei denen ich ihnen zugesehen habe. An die Geschichten, die sie mir erzählt haben; nicht nur an die von F. Ich werde dran denken, wie wir morgens ziemlich müde mit der S - Bahn hin- und abends völlig müde wieder zurückgefahren sind, wie wir durch's Hostel gelaufen sind und uns verlaufen haben, wie wir Werwolf gespielt haben und ich zum ersten Mal Teil des Liebespaars war. Ich werde mich an ihre Herzlichkeit und Offenheit erinnern, an ihre vollkommen individuellen Charaktere; an Sonntagen wie diesen, wenn ich in meinem Zimmer bin, auf dem Bett liege oder am Schreibtisch sitze, Angus & Julia Stone höre, es still und kalt ist und ich nachdenke. Ich werde mich erinnern und wehmütig die Bilder anschauen, mit denen wir versucht haben, Momente einzufangen, was natürlich Schwachsinn ist, denn das geht nicht. Ich werde zwischen Sehnsucht und Traurigkeit und Vorfreude festhängen, weil ich zwar weiß, dass ich sie wiedersehe, aber es trotzdem mies finde, dass wir so weit auseinander wohnen. Ich werde durchkalkulieren, was es kosten wird, zu C zu fahren und mit ihr durch die Botanik zu wandern, um ihr zuzuhören und bei ihr zu sein.
Ich schließe die Augen. Drücke mich an J, der ebenfalls fröstelt, fühle mich ein bisschen schuldig, weil ich neben ihm liege und an C denke. Wobei das legitim ist, weil ich C zwar sehr ins Herz geschlossen habe, aber ja nicht mit ihr schlafen will oder soetwas. Ich lasse mich küssen und falle in einen tiefen, sehnsüchtig erwarteten Schlaf.
Angus & Julia Stone singen immer von Liebe. Immer. Wie kann man so viele Lieder über Liebe schreiben? Das sagt schon recht viel über sie aus...



Samstag, 15. September 2012

I love you - warum ich Dich liebe


I love you. 
Das habe ich gerade bei Facebook gepostet, zusammen mit "With or without you" von U2. Schön - und? 
Ich weiß ganz genau, dass manche das lesen und denken: wen meint die? 

I love you ist ziemlich viel cooler als ich liebe dich, weil es hier Auslegungssache ist, an wie viele das geht.
Denn in diesem Fall geht es an mehrere Personen.

Kennst du "With or without you"? Du hast es sicher schon mal im Radio gehört oder so. Ich persönlich finde es einfach nur wunderschön. Außerdem muss ich da immer an P.  denken, der mag das Lied nämlich auch. Ich denke dann dran, wie das war, wenn wir zusammen irgendwohin gefahren sind und im Auto immer Musik gehört haben. Immer schon war das so. Einmal haben wir "Der Infant" von den Ärzten gehört und P. hat gesagt, wie gut er das findet. Ich finde es auch gut. P. liebt Musik, er kann auch Gitarre spielen, ziemlich schön sogar. Manchmal hat er uns beiden Kopfhörer - riesen Teile - aufgesetzt und gespielt. Alles mögliche. Wenn ich gefragt habe, ob er etwas Bestimmtes spielen könne, konnte er es. P. ist halt auch der Beste. Jedenfalls ist das immer ziemlich komisch gewesen, weil ich dann nicht wusste, was ich tun sollte. Ich meine: es war schön, wunderschön! Aber man sitzt dann halt als Zuhörer da und naja. Heute bin ich da ein bisschen besser drin, aber nicht wirklich viel besser. T. macht das auch manchmal, sich hinsetzen und mir etwas vorspielen, aber das letzte Mal ist auch schon wieder eine Weile her. Ich mag das. Dasitzen und zuhören. Bewundern auch. Ich würde auch gern irgendwas Tolles können, bei dem Leute dasitzen und staunend gucken. Piano spielen wäre richtig bombastisch, ich liebe klassische Musik. Aber ich hasse Noten lesen. Ich glaube, die Noten und ich, wir hatten einfach keinen guten Start. Deswegen ist unser Verhältnis relativ schlecht. Ich verstehe sie nicht und habe auch keine Ahnung, wie diese komischen dicken Punkte mit und ohne Strichen dran - Notenhälse, ich weiß - mir sagen sollen, welche Taste ich drücken muss und wie lange. Wie auch immer. Jedenfalls können P. und T. gut Gitarre spielen und nur einen finde ich noch genialer, und das ist kein geringerer als Angus Young. An Silvester letztes Jahr war P. da und wir waren bei Oma. Da kam, auf zdf.kultur, glaube ich, ein Konzert von AC/DC, das ich schon mehrmals auf DVD gesehen hatte, mit P. und auch mit T. Ich könnte Angus stundenlang dabei zuschauen - und -hören -, wie er zuckend auf seiner Gitarre rumschrammelt. Schlecht formuliert irgendwie. Einfach anschauen. Das kann man nicht gut beschreiben, es ist einfach Wahnsinn. 
"With or without you" erinnert mich an P. und es macht mich oft auch sehr traurig. Gerade eben zum Beispiel krabbelt mir die Nase und Tränen schießen mir in die Augen. Aber oft macht mich das Lied sehr glücklich. Es kommt ganz darauf an, woran ich denke; immer denke ich an Dinge, die mit P. zu tun haben, und leider gibt es da nun viele traurige Geschehnisse oder Tatsachen. Aber es gibt auch sehr schöne. Ich sage oft, dass es nicht mein Hauptziel ist, P. stolz zu machen, nicht mehr. Das stimmt auch, ich lebe nicht mehr dafür. Aber es ist eins der Ziele, das ich erreichen will. Ich will, dass P. irgendwann mal jemandem ein Bild von mir zeigt und sagt: "Das ist meine Tochter. Sie heißt Deborah, das ist ein hebräischer Name; Deborah wie Deborah Gelly in 'Es war einmal in Amerika'. Sie ist die Jüngere von meinen beiden Kindern. Und ich bin stolz auf sie."
Ich will das so sehr, dass ich hin und wieder weinen muss, wenn ich es schreibe oder es mir durch den Kopf geht.

Manchmal geht mir durch den Kopf, dass man wegen der Liebe ganz schön viel weint - und das ist irgendwie absurd. Schließlich wird uns als Kindern gesagt, dass Liebe etwas Wunderschönes ist und etwas furchtbar Wichtiges, und eigentlich bringen uns schöne Sachen nicht zum Weinen, außer bei Freudentränen. 
Ich glaube, die Wichtigkeit der Liebe macht sie zu etwas, das uns zum Weinen bringt.



Und T.? T. ist nicht mit mir verwandt. Dennoch ist er eine der mir wichtigsten und liebsten Personen in meinem Leben, das schwöre ich. Er bedeutet mir die Welt. Was ihn so besonders macht? Nun. Er ist einfach der Beste. Er ist immer da, wenn ich ihn brauche, und er ist das, weil er mich liebt, nicht, weil er muss oder so; ich weiß das. Denn ich liebe ihn ja auch. Viele Menschen verstehen das nicht, dass wir beste Freunde sind, wie Bruder und Schwester. Sie fragen mich, warum wir kein Paar sind, wenn wir uns so blendend verstehen. Man kann nicht von den Menschen erwarten, dass sie alles verstehen. 
Aber ich versuche, es zu erklären. Ich liebe T. und ich stehe auch dazu. Nie würde ich ihn oder meine Liebe zu ihm verleugnen, niemals. Ganz einfach deswegen, weil er das auch nicht tun würde. Ich glaube, ich vertraue ihm mehr als mir selbst. Jedenfalls ist es so, dass mir T. sehr am Herzen liegt... Aber ähnlich, wie es P. oder mein Bruder, S., tun. Oder mein kleiner Cousin, K.. Nur sehr wenige würden auf die Idee kommen, ihren Papa, Bruder oder Cousin leidenschaftlich küssen oder mit ihm schlafen zu wollen - mal solche Ausnahmen ausgenommen, die es ja immer gibt und die die Regel bestätigen. Genau so geht es mit mir T.. Ich würde meine Hand für ihn ins Feuer legen, aber würde er mich fragen, ob ich mit ihm zusammen sein will - was er niemals tun wird -, würde ich nein sagen. Weil ich ihn so nicht liebe. Aber ich liebe ihn und ich liebe es, Zeit mit ihm zu verbringen. Ich liebe es, meinen Kopf auf seinen Bauch zu legen und mit ihm in den Himmel zu gucken und Wolken als irgendwelche Wesen zu identifizieren. Ich liebe es, mit ihm jeden Tag auf den selben Berg, nein, Hügel!, zu laufen und zu diskutieren, ob der Weg dort hinauf letztes Mal schon so beschwerlich war. Ich liebe es, in seinem Auto zu sitzen, im Sommer, mit offenen Fenstern und lauter Musik und einer völlig zerstörten Frisur. Ich liebe es, wenn er lacht und seine Augen strahlen, ich liebe es, wenn er nachts noch in mein Zimmer kommt, sich auf meine Bettkante setzt und meinen Hund streichelt, ich liebe es, wenn er albern ist. Ich liebe es, dass er mich immer zum Lachen bringt, egal, wie schlecht es mir geht und wie suizidgefährdet und scheiße ich mir gerade vorkomme. Ich liebe es, dass er mich in den Arm nimmt, egal, wie scheiße ich auch aussehe. Ich liebe es, dass es ihn gibt und dass er mein bester Freund ist.
"Because days come and go - but my feelings for you are forever." Ist echt so.



Und ich?
Ich liebe mich nicht besonders. Aber trotzdem höre ich gerade ein Lied, das ich schön finde, es heißt "Supergirl" und ist von Reamonn, Du kennst es ganz sicher. Es ist einfach nur atemberaubend. Ich wäre gerne ein Supergirl. Aber ich glaube nicht daran. 
Doch diese zwei, P. und T., und ein paar andere geben mir so oft das Gefühl, ich sei eins. Geben mir das Gefühl, ich sei etwas Besonderes, etwas Wertvolles. Ich weiß nicht genau, wie es anderen Menschen da geht, aber ich brauche das, ehrlich gesagt. Bestätigung. Denn ich selber kann sie mir nicht geben. Es heißt ja auch, "Eigenlob stinkt", nicht wahr? Mir wird oft geraten, mir ein Ego zuzulegen. Ich glaube nicht, dass ich keines habe. Aber irgendwas damit ist kaputt. Ich weiß es nicht genau. Ich weiß so vieles nicht genau. Das zeichnet doch kein Supergirl aus.




Sonntag, 2. September 2012

autumn!

es regnet, es ist grau, und außerhalb des Zuges ist es mit Sicherheit nasskalt. durch die Scheibe hindurch ziehen Bäume, Sträucher, Wiesen, Blumen in Wahnsinnsgeschwindigkeit an mir vorbei. mein Hals tut weh. ich fühle mich ausgebrannt. man könnte sagen, das macht das Wetter.

ich will nicht. irgendwann gewöhnt man sich so sehr daran, unproduktiv rumzuhängen, dass man vergisst, was für ein überwältigendes Gefühl es eigentlich ist, wenn man was geschafft hat. davon will man dann auch nichts hören.
irgendwann gewöhnt man sich an den größten Scheiß. pardon für diese Ausdrucksweise. ist aber so.
irgendwann gewöhnt man sich an alles und dann wird es langweilig, weil dann die Herausforderung weg ist; ganz egal, wie aufregend und spannend es mal war.



in dem Buch, das ich gerade lese, "Ich Und Die Anderen" von Matt Ruff, echt gut; ja also in diesem Buch wohnt eine der Hauptfiguren in einem Ort, der da heißt "Autumn Creek". klingt total schön, finde ich. jedenfalls heißt "autumn" auf Deutsch Herbst und naja..
es ist jetzt September. irgendwann haben wir gelernt, September mit Herbst zu assoziieren. Herbst verbinden wir wiederum mit bunten Blättern, Kastanien und der Tatsache, dass es früher dunkel wird. grob gesagt. sicherlich verbindet jeder noch haufenweise andere Dinge mit diesen Worten.
ich liebe Herbst. endlich vermummt man sich wieder in dicken Klamotten; endlich schmeißt man abends ebendiese zu Boden und lässt sich in die dampfende Badewanne fallen; endlich kuschelt man sich abends wieder mit einer Kanne Tee ins Bett, mummelt sich ordentlich ein und wartet darauf, dass man seine Füße wieder spürt, liest Bücher, schaut sich zum zehnten Mal Fotoalben oder Lieblingsfilme an.. endlich wieder Duftteelichter, die alles in so ein unfassbar schönes Licht tauchen. endlich wieder rausgehen, kalte Luft einatmen, mit nasskalten Füßen nach Hause kommen. endlich werden die Blätter und alles drum herum ein bisschen bunt, bevor es irgendwann grau wird. endlich wieder fluchen, dass es regnet, obwohl man es eigentlich schön findet. endlich wieder musikhörend und verträumt im Bus sitzen und den Regentropfen zuschauen, wie sie die Fensterscheiben entlang laufen. generell total verträumt sein.. 
endlich kommt dieses Gefühl wieder. besser gesagt dieser Berg Gefühle, denn es handelt sich ja hier nicht nur um ein Gefühl.
ich kann es einfach nicht abwarten, ich will, dass sofort Herbst ist. auf der Stelle, bitte. unverzüglich. ich will das total. auf was wartet der Herbst eigentlich noch?

kalte Nasen, kalte Hände, warme Lippen; gehören auch zum Herbst. aber nicht irgendwelche.. sondern meine Hände in deinen, wenn deine Nase meine anstupst und deine Lippen meine berühren, wenn es langsam dunkel wird draußen.. wenn das alles zu schön, zu real für mich ist und sich unwirklich anfühlt. wenn ich dich anschau und mich total gut fühle für einen Augenblick. wenn ich abends im Bett liege und dieser Moment noch ewig in meinem Kopf zu bleiben scheint..